Jedes Kind kann das Vertrauen verlieren...
Ich startete das Programm zu einem für mich im Nachhinein ungünstigen Zeitpunkt, da Vanessa gerade aus dem Krankenhaus entlassen worden war und noch einiges zu verarbeiten hatte. Im Nachhinein verstehe ich selbst nicht, warum ich gerade 1 Woche nach dem Krankenhausaufenthalt angefangen habe aber wahrscheinlich fand ich es damals günstig, da sie gerade wieder ganz gesund war.
Ich las mir den Plan noch einmal ganz genau durch. Zuerst sollte man sich überlegen, zu welcher Zeit man das Kind ins Bett legen möchte und diese Zeit dann auch konsequent einhalten, damit das Kind einen Rhytmus bekommt, auf den es sich einstellen kann. Laut Plan braucht ein Kind in Vanessas "damaligem" Alter von 10 Monaten etwa 14 Stunden Schlaf, die ich mir wie folgt aufteilte: Mittagsschlaf: 12-14 Uhr
Nachtschlaf: 19-7 Uhr
Ziel des Programms ist es, das Kind mit einem Schlafritual wach ins Bett zu legen und es alleine einschlafen zu lassen. ebenso ist es der Ziel des Programms, dass das Kind festen Zeiten schläft und durchschläft. Es soll deswegen so wichtig sein, das Kind im eigenen Bett einschlafen zu lassen, damit es, wenn es aufwacht, immer noch in der gewohnten Umgebung ist und leichter wieder in den Schlaf findet als wenn es nach dem Einschlafen umgebettet wurde. Hört sich alles ganz einfach an...
Als Einschlafritual überlegte ich mir folgendes. Schlafanzug anziehen, danach Abendbrot essen. Nach dem Abendbrot Zähne putzen, waschen, wickeln und dann noch etwa 10 Minuten spielen oder ein buch anschauen und dann das Kind ins Bett legen und noch etwas vorsingen. Dann wollte ich den Raum verlassen und Vanessa an das Alleine-Einschlafen gewöhnen.
Schon beim Abendritual fingen bei uns die Probleme an. Vanessa hatte keine Lust auf Buch anschauen oder Spielen mit Mama. Sie wollte alleine Spielen, dann ihr Teefläschchen haben und im Maxi Cosi einschlafen, von dem ich sie dann regelmäßig ins Bett tragen musste, wenn sie denn endlich schlief.
Ich war allerdings so begeistert von dem Buch und so überzeugt von dem Inhalt, dass ich das Programm auf jeden Fall durchziehen wollte. Ich ließ Vanessa zwar alleine Spielen und auch noch einen Schluck Tee trinken, legte sie dann aber wach ins Bett, sang ihr etwas vor und verließ den Raum. Was passierte? Natürlich fing Vanessa wie verrückt an zu schreien. OK, das stand ja auch so in dem Buch. Laut Plan sollte man das Kind am 1. Tag des Programms 3 Minuten weinen lassen, dann hingehen, das Kind beruhigen, ihm zeigen, dass Mama da ist und alles in Ordnung ist. Allerdings sollte man das Kind auf keinen Fall hochnehmen und sich damit "erpressen" lassen. Sobald sich das Kind wieder beruhigt hat (es darf aber nicht länger als 2 Minuten dauern) sollte man den Raum wieder verlassen und dann erst wieder nach 5 Minuten hingehen. am 2. Tag sollten dann bis zu 9!! Minuten daraus werden.
Ich sagte mir, dass ich konsequent bin und Vanessa nicht hochnehmen werde, egal was passiert. Ich ging nach 3 Minuten Dauergeschrei zu ihr, versuchte sie zu beruhigen und merkte, dass sie die Windel voll hatte. Tja, was nun? Ich kann sie ja schlecht mit einer vollen windel schlafen lassen. Also musste ich sie hochnehmen und wickeln, legte sie aber daraufhin gleich wieder ins Bett und versuchte sie mit meiner Stimme zu beruhigen. Kaum ging ich aus dem Zimmer, ging das Geschrei von Neuem los. Laut Plan sollte ich nun 5 Minuten warten, bis ich zu ihr gehe, was aber nicht ging. Vanessa schrie so herzzerreissend, dass ich nach 3 Minuten wieder zu ihr ging. So zog sich das Ganze etwa 50 Minuten hin, bis sie schließlich mit Tränen auf den Wangen und verquollenen Augen im Sitzen einschlief.
In dem Augenblick als ich sie so sah, zweifelte ich zum Ersten mal an dem Programm, wollte es aber trotzdem weiter durchziehen. In dem Buch stand, dass es am Anfang meistens solche Probleme gibt und sich das Ganze spätestens nach 2 Wochen eingependelt hat.
Am 2. Tag ging es genauso weiter. Vanessa fing schon an zu schreien, wenn sie merkte, dass ich aus dem Raum gehen wollte und machte wieder vor lauter Schreien und Verzweiflung die Windel voll, so dass ich erneut wickeln musste. Vanessa schlief diesmal nach 40 Minuten im Sitzen ein und knallte dann als sie umfiel mit dem Kopf gegen das Gitterbett, wodurch sie wieder erwachte. Ich hielt auch die angegebenen 5 Minuten nicht ein, sondern ging genau wie am Vortag alle 3 Minuten zu ihr.
Schließlich schlief sie nach 90 Minuten!
Am dritten Tag klappte das Ganze minimal besser. Vanessa schrie zwar genau wie die anderen beiden Tage, schlief aber schon nach 30 Minuten (natürlich im Sitzen und vom Weinen verquollen) ein.
Am nächsten Tag machten wir einen Besuch bei Vanessas Großeltern. Vanessa ging vorher immer sehr gerne zu ihrer Oma und ich konnte sie auch immer mal für einige Stunden dort abgeben. Diesmal war aber alles anders! Sobald ich wegging, fing Vanessa wie am Spieß an zu brüllen. Niemand durfte eine Tür schließen und sie wollte nur noch bei mir auf den Arm. Zumindest in Sichtweite musste ich sein. Sie war ängstlich, zurückhaltend und weinte sehr schnell, was ich sonst überhaupt nicht von ihr kannte. Ich hatte immer größere Zweifel an dem Schlaflern-Programmund beschloss am Abend, nachdem ich im 9monate-Forum andere Mütter um ihre Meinung gebeten hatte, die Aktion abzubrechen. Ich ließ Vanessa wieder im Maxi Cosi einschlafen und blieb im gleichen Zimmer, bis sie schlief.
Vanessa schlief zwar schnell ein, wachte aber nach wenigen Stunden auf, schrie und hatte Alpträume. Am Tage war sie unausstehlich, weilte schon, sobald ich mal etwas aus der Küche holen wollte und erschreckte sich, wenn irgendwo eine Tür zuging und weinte.
Es hat eine ganze Weile gedauert, bis sich die Ängste wieder gelegt haben und Vanessa wieder zu anderen Personen ging, man sie einige Minuten alleine lassen konnte und sie ihre Angst vor dem Alleinsein verlor.
Noch heute (6 Wochen nach dem Programm) schläft sie schlechter als vorher, wacht immer wieder auf und hat schlimme Träume.
Ich habe immer noch ein schlechtes Gewissen, wenn ich darüber nachdenke, was ich meinem Kind angetan habe. Ich habe Vanessa nicht beigebracht, alleine einzuschlafen, sondern ihr gezeigt, dass sie alleine ist und ihr damit Angst gemacht. Sie hat das Vertrauen zu mir verloren, war alleine und hat so schlimme Angst gehabt, dass sie sich eingekotet hat! Ich habe anfangs alles heruntergespielt und es auf die Umstellung geschoben, bis ich dann von einer Bekannten einen interessanten Link zu dem Thema gefunden habe. Auf der Seite berichten Mütter, Ärzte und Psychologen von ihren Erfahrungen mit diesem Programm und nachdem ich diese Horrorgeschichten gelesen hatte, ist mir erst bewusst geworden, was ich meinem Kind angetan habe.
Es gibt sicherlich Kinder, die mit diesem Programm zurecht kommen, allerdings habe ich jetzt eingesehen, dass jedes Kind seine eigene Persönlichkeit hat und mit einer anderen Sensibilität auf bestimmte äußere Einflüsse reagiert. Es kann ebenso wenig jedes Kind Schlafen lernen, wie jedes Kind malen lernen kann und nachdem ich das eingesehen habe, verurteile ich dieses Buch sehr und kann jeder Mutter, bzw. allen Eltern nur davon abraten.
Ich hoffe, ich konnte euch weiterhelfen! Ich weiß, dass dieser Bericht etwas länger ist als ein normaler Erfahrungsbericht aber ich schäme mich jetzt noch für das, was ich meiner Tochter mit diesem Programm angetan habe und finde es wichtig, diese Erfahrungen an euch weiterzugeben. Hört auf euer Herz und auf euren Instinkt und ihr werdet das beste für euer Kind tun. Es kann nicht richtig sein, sich an Informationen und Anleitungen von anderen zu halten, die euer Kind nicht mal kennen. Nur eine Mutter weiß, was für ihr Kind am besten ist. Zumindest wird sie ihr Bestes geben...
Autorin: Michelle
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