Bedürfnisse kennen keinen Zeitplan
Babys haben auch nach dem 6.Monat nächtliche Bedürfnisse
Aus dem Kapitel "Vom 6.Monat bis zum Schulalter. Zeit für feste Zeiten"
"Wenn Ihr Baby sich sicher bisher noch nicht an regelmäßige Schlaf- und Wachzeiten gewöhnt hat, brauchen Sie nun auf keinen Fall länger abzuwarten. Sie können sicher sein: auch bei Ihrem Baby ist die biologische Reifung soweit abgeschlossen, dass es nachts nichts mehr zu trinken braucht und ca. 11 Stunden hintereinander schlafen kann. Was es darüber hinaus noch an Schlaf braucht, holt es sich tagsüber bei seinen regelmäßigen Tagesschläfchen." (aus: "Jedes Kind kann schlafen lernen", Kast-Zahn und Morgenroth 1998, S. 52)
Die auch hier benannte magische 6-Monats-Grenze hält sich hartnäckig in den Köpfen der Mütter. Woher sie kommt, konnten meine Recherchen nicht eindeutig ausmachen. Klar ist jedoch, dass die meisten Mütter zu hören bekommen, dass das Kind mit 6 Monaten durchschlafen müsse und nachts keine Flasche/Stillmahlzeit mehr brauche. Es soll an dieser Stelle nicht um die Frage gehen, ob ein Kind pünktlich mit Erreichen der Sechsmonatsmarke keine nächtliche Nahrung mehr braucht. Vorrangig soll es darum gehen, warum ein Kind ab diesem Zeitpunkt durchzuschlafen hat. Hierzu gibt es verschiedentliche theoretische Ansätze:
Kulturelles Erbe
Der Erziehungsratgeber vergangener Tage schlechthin ist "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind", bzw. "Die Mutter und ihr erstes Kind". Johanna Haarer veröffentliche dieses Werk 1934 (und weitere folgten) und legte damit einen Grundstein für den Erziehungsstil der kommenden Jahrzehnte. Die letzte Auflage erschien 1987. "Haarers Bücher galten als praktisch. Sie waren aber auch politische Propagandaschriften. Und es wurde in ihnen eine "Pädagogik" vertreten, die ausdrücklich auf das nationalsozialistische System hin erziehen sollte." (Chamberlain) Die hohe und häufige Auflage des Buches lässt den Schluss zu, dass es sich um ein lange sehr verbreitetes Buch gehandelt hat. Es hat u.a. einige Stillregeln zum Inhalt. Diese sehen bereits von Beginn an eine nächtliche Fütterungspause von 8 Stunden vor. Diese Nachtpause darf nur im Falle von nicht ausreichender Gewichtszunahme mit einer Stillmahlzeit unterbrochen werden. Ausserhalb dieser Trinkzeiten darf das Kind nicht aufgenommen werden. Es verbleibt in seinem separaten Bettchen, im "Optimalfall" im separaten Raum. Spätestens mit der vermehrten Zufütterung ab dem 6.Monat sollte diese Pause jedoch eingehalten weren. Eine Begründung bleibt die Autorin schuldig. Dass hier die Mutter geradezu angewiesen wird, ihr Kind schreien zu lassen, erschliesst sich bei der Lektüre fast von selbst. Nachdem sie eine Reihe von möglichen Ursachen abgeklopft (Wundsein, nasse Windel, Lärmbelästigung) und versucht hat, Abhilfe zu schaffen (trockenlegen, ggf. Wundversorgung, für Ruhe sorgen, Schnuller anbieten) heisst es bei Haarer: "Versagt auch der Schnuller, dann, liebe Mutter, werde hart! Fange nur ja nicht an, dass Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf den Schoß zu halten." Gehen wir nun davon aus, dass sich diese Lehren auch die vielen Jahre bis zur letzten Auflage 1987 gehalten und Anklang gefunden haben, so lässt sich vermuten, dass dieses Werk eine Ursache für die "magische 6-Monatsgrenze" sein könnte.
"Nächtliche Nährpflicht"
Bei meiner Recherche in verschiedenen, einschlägigen Foren stieß ich erstmals auf den Begriff "nächtliche, bzw. medizinische Nährpflicht":
"Medizinisch" gilt innerhalb den ersten 6 Monaten sogar die sog. "nächtliche Nährpflicht", d.h. Babys diesen Alters sollten grundsätzlich (von sehr seltenen Ausnahmen abgesehen) nicht durchschlafen, da dies das Gedeihen negativ beeinflussen kann. Dies bedeutet auch, dass Babys nach 6 Monaten fürs reine überleben(!) nachts keine Nahrung mehr brauchen, sie also nicht mehr unmittelbar gesundheitsgefährdet sind, wenn sie nachts nicht mehr versorgt werden." Eine der Userinnen berichtete mir, es sei gang und gebe, dieses in diversen Lehrbüchern zur Kinderheilkunde zu vermitteln. Ich habe mich daraufhin an die deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. sowie an die nationale Stillkommission gewand. Weder die eine noch die andere Institution konnte mir weiterhelfen, der Begriff war gänzlich unbekannt. Lediglich der Ausdruck "Nährpflicht" im Zusammenhang mit Mutter und Kind ist mir im Text "Der Muttertrieb" von Hedwig Dohm, (1903) begegnet: "Es sind die kleinen, hilflosen Geschöpfe, die Babies, denen die Mutter die größte Zärtlichkeit widmet. Der Säugling in der Tat ist von der Natur auf die Mutter angewiesen. Bei der heutigen Beschaffenheit der Frau kommt das Säugeamt nur zu oft in Wegfall. Surrogate für die Muttermilch mögen in vollkommener chemischer Zusammensetzung noch nicht vorhanden sein. Sie herzustellen, bleibt der Zukunft vorbehalten. Es ist vorauszusehen, daß die Mutter der Zukunft imstande sein wird, ihre Nährpflicht besser zu erfüllen als die jetzige Generation."
Sollte einem Leser oder einer Leserin dieses Textes mehr darüber bekannt sein, so möge er sich bitte an uns wenden!
Flaschenkind vs. Stillkind
Ein weiterer Denkansatz ist, dass von Flaschenkindern auf Stillkinder geschlossen wird. In den 70er und 80er Jahren war Flaschennahrung weit verbreitet, die Stillquoten im Keller. Wie auch schon bei Haarer gab es besonders bei künstlicher Nahrung einen strengen Fütterungsplan, da diese keinesfalls nach Bedarf gegeben werden konnte wegen des hohen und starren Kaloriengehaltes. Muttermilch hingegen schwankt im Kaloriengehalt schon innerhalb einer Stillmahlzeit und kann nach Bedarf getrunken werden.
Ein mit künstlicher Milch gefütterter Säugling schlief nicht selten schon früh lange am Stück. Böse Zungen bezeichnen dies aus heutiger Sicht oftmals als "Verdauungskoma", da inzwischen erkannt wurde, dass der Nährstoffgehalt damaliger und teils auch heutiger Säuglingsnahrung den Verdauungstrakt überfordert und lahmgelegt hat. Nicht selten wurden auch die selbstangerührten Milchen mit Flocken oder&Aauml;hnlichem angedickt, was diesen Effekt noch verstärkte. Die Tatsache der vielen lange am Stück schlafenden Kinder stütze und förderte die Annahme, dass dieser Zustand so früh wie möglich zu erreichen wäre. Mit der zu der Zeit vergleichsweise frühen Einführung von Beikost tat ein dicker Abendbrei sein übriges zur Annahme, dass spätestens mit 6 Monaten nachts Ruhe zu herrschen hab
Eine Studie
In seinem Kapitel "Einige Mythen rund um das Schlafen" begibt sich Carlos Gonzalez ebenfalls auf die Suche nach dem Urheber der Aussage, dass Kinder ab einem bestimmten Alter eine bestimmte Anzahl an Stunden schlafen können und sollen. Auch er findet viele verschiedene Angaben zum Alter und zur Stundenanzahl, aber keine konkrete Begründung, geschweige denn wissenschaftliche Belege. Unter anderem bei Estivill: "Gegen Ende des ersten Lebenshalbjahres, spätestens mit sieben Monaten, muss ein kleines Kind in der Lage sein, alleine im Dunkeln im eigenen Zimmer zu schlafen und (etwa elf oder zwölf Stunden am Stück) durchzuschlafen." (Estivill nach Gonzalez) Jedoch findet er eine Studie von T.F. Anders: Night-waking in infants during the first year of life. Veröffentlicht in der Pediatrics von 1979. Während dieser Studie filmte Anders zwei Gruppen von Kindern im Alter von 2 bis 9 Monaten während der ganzen Nacht. Er beobachtete dabei, dass 44% im Alter von 2 Monaten die ganze Nacht schliefen und 78% dies mit 9 Monaten taten. Aufgrund des Zeitpunkts der Studie ist es wahrscheinlich, dass nahezu alle Kinder mit der Flasche ernährt wurden. Alle Babies schliefen allein in ihrer Wiege. "Man kann sich leicht vorstellen, dass jemand, der vor langer Zeit diese Studie las und sie nicht noch einmal durchgesehen hat oder auch nur aus zweiter und dritter Hand von ihr gehört hat, am Ende behaupten wird, dass alle Kinder im Alter von sechs Monaten durchschlafen." (Gonzalez) Bei eingehenderem Lesen der Studie gelangt man jedoch zu Anders' Definition von "die ganze Nacht schlafen": "Das Kind bleibt von 12 Uhr Mitternacht bis 5 Uhr früh in der Wiege." (Gonzalez) Nun, da lassen sich schnell zwei Schwachpunkte aufzeigen:
- bleibt das Kind still in seiner Wiege, liegt aber wach da, hat es nach dieser Definition trotzdem die ganze Nacht geschlafen. Die Filmaufnahmen zeigen jedoch, dass nur 15% der Kinder im Alter von 2 Monaten und nur 33% der neunmonatigen Kinder tatsächlich zwischen Mitternacht und 5 Uhr früh schliefen, ohne zu erwachen.
- Erwacht ein Kind kurz vor Mitternacht und dann um kurz nach 5 erneut, so hat es nach Anders auch die ganze Nacht geschlafen, "auch wenn seine Eltern es aus der Wiege nehmen und von viertel nach 5 bis halb 7 mit ihm spazieren gehen müssen." (Gonzalez).
Nur 6% der zweimonatigen und 16% der neunmonatigen Babys schliefen 10-11 Stunden am Stück. D.h. dass 84% nicht der allgemeinen Norm entsprachen. Estivill prophezeit für diese von der Norm abweichenden Kinder schlimme Folgen: "Bei gestillten Säuglingen und kleinen Kindern: Neigung zu weinen, Empfindlichkeit, schlechte Laune, Unaufmerksamkeit, Abhängigkeit von der Betreuungsperson, mögliche Wachstumsprobleme. Bei Kindern im Schulalter: Scheitern in der Schule,&Aauml;ngstlichkeit, schlechter Charakter." (Estivill nach Gonzalez) Diese Androhung ist Teil des Konzeptes. Würde man den Eltern vermitteln, dass es absolut normal ist, wenn ihr Kind nachts mehrfach aufwacht, so sähen sie keine Veranlassung, die zu verkaufende Estivill-Schlaftrainigsmethode anzuwenden. Vermittelt man ihnen jedoch das Gefühl, das Verhalten des Kindes sei nicht normal, sehen sie einen Handlungsbedarf. Wie so oft bei Studien ist es eine Auslegungssache. Diese Studie hier hat das sehr deutlich gemacht. Nur wie viele Menschen haben sich so differenziert damit auseinander gesetzt? Und wie viele davon haben es gewagt, das Buch öffentlich anzugreifen? Und wie viele Menschen haben diesen Zweiflern Glauben geschenkt? Es folgte eine Reihe von Schlaftrainings, die als Bücher veröffentlicht wurden. Die Ferber-Methode in "Jedes Kind kann schlafen lernen" ist nur eine von vielen. Nahezu alle reiten auf der Welle der distanzierten Erziehung. Das Kind muss ins eigene Bett ins eigene Zimmer, allein einschlafen, früh durchschlafen lernen, abgehärtet werden, darf nicht verwöhnt werden und es muss zu bestimmten Zeitpunkten eine bestimmte Anzahl an Stunden schlafen. Ich gebe hier zu bedenken, dass diese Welle meines Erachtens zu einem Großteil den Büchern von Johanna Haarer entsprungen ist, welche verfasst wurden, um folgsame, unterwürfige Nachwuchsjünger für das Naziregime heranzuziehen.
Der Vollständigkeit halber sei hier noch auf einige Quellen verwiesen, die uns nach heutigen Maßstäben aufzeigen, wie es um Baby's Schlaf bestellt ist:
William Sears: Schlafen und Wachen, LaLecheLiga Verlag
Dr. Katherine Dettwyler PhD: Durchschlafen? ' www.uebersstillen.org
Carlos Gonzalez: In Liebe wachsen
www.das-kind-muss-ins-bett.de
Ein ausführlicher Text zum Thema Babys Schlaf ist in Planung und wird Ihnen bald zur Verfügung stehen.
Literatur:
"Jedes Kind kann schlafen lernen", Kast-Zahn und Morgenroth 1998
"In Liebe wachsen", Carlos Gonzalez 2005
"Die Mutter und ihr erstes Kind" Johanna Haarer 1951
"Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" Sigrid Chamberlain 1997
Autorin: Mandy Hibbeler
