Pfad: Rund ums ferbern»Warum nicht ferbern?»Mutter Kind Bindung

Gefahr für die Mutter-Kind-Bindung

Der Ausdruck "Mutter-Kind-Bindung" begegnet uns überall: In den großen Zeitschriften für Eltern, in der umfangreichen Ratgeber-Literatur und in den zahlreichen Foren und Websites. Da die verschiedenen Schlafprogramme meiner Meinung nach einen erheblichen Einfluss auf die Mutter-Kind-Bindung haben können, möchte ich diese hier ausführlicher darstellen. Ich verwende hierbei den gängigen Ausdruck "Mutter-Kind-Bindung", schließe aber ebenso die Vater-Kind-Bindung mit ein.
Grundbedürfnis nach Nähe

Menschenkinder werden mit dem Grundbedürfnis nach körperlicher Nähe geboren. In ihrer Eigenschaft als Tragling ist der Körperkontakt und die Wahrnehmung von Bewegung das Zeichen für die Anwesenheit einer sich kümmernden Person. Das Abbrechen des Körperkontakts vorrangig vor dem Abbrechen der Bewegungswahrnehmung bedeutet für einen Tragling Alleinsein, Verlassen sein und versetzt ihn damit in Alarmbereitschaft. Dies rührt vom Status des Nomaden her. Menschen sind zwar schon einige Zeit sesshaft, jedoch hat sich diese Eigenschaft noch lange nicht „heraus revolutioniert“. Diese Alarmbereitschaft lässt erst mit wachsender Objektpermanenz nach. Objektpermanenz bedeutet, dass das Baby weiß, dass die Mutter nicht aus der Welt ist, wenn sie außer Sichtweite geht. Die Entwicklung der Objektpermanenz ist ein längerer Prozess, der um etwa den 8 Monate herum beginnt.
Was bedeutet das für Eltern?

Ein Säugling hat neben dem Bedürfnis nach Nähe noch die unmittelbar damit verbundenen Grundbedürfnisse nach Nahrung, Wärme und Zuwendung. Wie der Name schon sagt, handelt es sich hierbei um grundlegende Bedürfnisse, nicht um Wünsche oder Ansprüche. Und die primären Aufgaben der Eltern ergeben sich aus diesen Bedürfnissen:

  •     erkennen und verstehen der geäußerten Bedürfnisse
  •     prompte und angemessene Befriedigung der geäußerten Bedürfnisse

Dieses Verhalten vermittelt dem Baby Sicherheit und legt den optimalen Grundstein für eine gute Bindung.
Die Bindungstheorie

Der britische Arzt und Psychoanalytiker John Bolwby († 1990) erarbeitete in den 1960er Jahren mit seinem Team die Bindungstheorie. Diese Theorie basiert auf den Grundannahmen:

  •    dass die Mutter-Kind-Dyade Basis für Schutz und Trost darstellt
  •    dass der Grad der mütterlichen Feinfühligkeit im engen Zusammenhang  mit

einer positiven Bindung steht. Je feinfühliger sie ist, umso besser kann sie die Bedürfnisse wahrnehmen und prompt und angemessen befriedigen.

Bowlbys Theorie besagt, dass das Bindungsverhalten im ersten Lebensjahr ausgeprägt wird. D.h., im ersten Lebensjahr wird der Grundstein für alle späteren Beziehungen mit der ersten Bindung an die Mutter gelegt. Tritt hier bereits ein schwereres Problem auf, so kann es auch in zukünftigen Bindungen zu Schwierigkeiten kommen. Die Entwicklung des Bindungsverhaltens vollzieht sich in 4 Phasen:

Prä-Attachment-Phase 1. Lebenswoche, Kind schenkt jeder sich nähernden Person Aufmerksamkeit
Differenzierungsphase binnen der sich anschließenden Wochen Kind differenziert nach ihm bekannten Personen und unbekannten
Kontaktaufnahme gegen Ende des 1. Jahres beginnt die aktive und ‚bewusste‘ Kontaktaufnahme des Säuglings
Interaktionsphase im Laufe der weiteren Entwicklung Kommunikation / Interaktion mit gemeinsamen Handlungszielen (Empathie) es entsteht eine Art Partnerschaft‘ zwischen Mutter und Kind

Je nach Verlauf dieser Phasen lassen sich die Kinder in vier verschiedene Kategorien von Bindungstypen aufteilen. Bowlby hat diese Typen anhand des Experimentes „Fremde Situation“ herausgearbeitet.

Die sichere Bindung

Sicher gebundene Kinder entwickeln aufgrund von hoher elterlicher „Feinfühligkeit“, eine große Zuversichtlichkeit in Bezug auf die Verfügbarkeit der Bindungsperson. Diese Kinder weinen durchaus, wenn sie von ihrer Mutter in der „fremden Situation“ allein gelassen werden. Sie zeigen diese Gefühle deutlich, akzeptieren den Trost der fremden Frau im Raum jedoch teilweise. Obwohl die Kinder negative Gefühle empfinden, ermöglicht ihnen ihre sichere Bindung darauf zu vertrauen, dass ihre Mutter sie nicht verlassen wird. Kehrt die Mutter zurück, freut sich das Kind und sucht Mutters Nähe. Es tankt kurz auf, wendet sich aber bald wieder dem Spiel oder etwas anderem zu.

Dieser Bindungstyp ist die beste Voraussetzung für den natürlichen Forscherdrang des Kindes. Je nach Entwicklungsstand kann sich das Kind von der Mutter entfernen, ohne in psychischen Stress zu geraten. So kann es seine Fähigkeiten entspannt erproben und erweitern.

Die unsicher-ambivalente Bindung

Unsicher-ambivalent gebundene Kinder zeigen sich&Aauml;ngstlich und abhängig von ihrer Bindungsperson. Das Verhalten der Mutter ist für das Kind nicht zuverlässig, nachvollziehbar und vorhersagbar. Verlässt die Mutter den Raum, reagieren die Kinder sehr gestresst. Die fremde Person wird genauso bedrohlich wie der Raum selbst. Allein die fremde Situation aktiviert ihr Bindungssystem schon von Beginn an. Der ständige Wechsel von einmal einfühlsamen, dann wieder abweisenden Verhalten der Mutter führt dazu, dass das Bindungssystem des Kindes ständig aktiviert sein muss. Da es nur schwerlich erkennen kann, wie die Mutter handeln wird, ist es andauernd damit beschäftigt, herauszufinden, was die Mutter gerade empfindet und tun wird, um sich dem anzupassen. Dieser Bindungstyp führt zur Einschränkung des Kindes, das sich nicht seinem Spiel/seiner Beschäftigung widmen kann. Kinder dieses Bindungstyps können selten eine positive Erwartungshaltung aufbauen, weil ihre Bindungsperson oft nicht zur Verfügung steht, obwohl sie körperlich anwesend ist. Demnach gehen sie mit einer negativen Erwartung in die fremde Situation und reagieren sofort gestresst und verängstigt.

unsicher-vermeident gebunden

Kinder dieses Bindungstyps scheinen gänzlich unbeeindruckt zu sein, wenn die Mutter den Raum verlässt. Sie widmen sich einfach weiter ihrer derzeitigen Beschäftigung. Zusätzliche Untersuchungen der Kinder haben jedoch gezeigt, dass ihr Cortisolspiegel deutlich höher steigt, als der von sicher gebundenen Kindern, die ihre negativen Gefühle ausdrücken. Kehrt die Mutter zum Kind zurück, wird sie ignoriert, das Kind sucht die Nähe der fremden Person und vermeidet aktiv seine Mutter. Unsicher-vermeidend gebundenen Kindern fehlt die Zuversicht, dass ihre Bindungsperson immer verfügbar ist. Sie entwickeln die Erwartungshaltung, dass ihre Wünsche und Bedürfnisse prinzipiell abgelehnt werden und dass sie keinen Anspruch auf Erfüllung dieser haben. Dieses Bindungsmuster ist bei Kindern zu beobachten, die häufig Zurückweisung erfahren haben. Der oft gewählte Weg aus dieser Situation ist die Vermeidung von Beziehungen, um das Risiko der Zurückweisung zu minimieren.

Wesentlich später klassifizierten Bowlbys Nachfolger noch einen vierten Typus, deren zugehörigen Kinder eine Mischung verschiedener Merkmale aufwiesen. Ein Großteil dieser Kinder hatte Eltern, die selbst unter verschiedenen Traumata litten und/oder ihren Kindern körperliche und/oder seelische Gewalt antaten.

Wie wirkt sich "ferbern" auf die Mutter-Kind-Bindung aus?

Wie wir an anderer Stelle bereits erfahren haben, verlangt der Behandlungsplan nach Ferber das Kind nach einem bestimmten Schema wach in sein Bettchen zu legen und den Raum zu verlassen. Ungeachtet der Reaktion des Kindes. Die meisten Kinder beginnen nach kurzer Zeit zu weinen und&Aauml;ußern so ihr Grundbedürfnis nach Nähe (.s.o.). Aufgabe der Bindungsperson wäre es nun, diese&Aauml;ußerung wahrzunehmen und prompt und angemessen darauf zu reagieren, also dem Kind Nähe zu geben. Stattdessen schaut die "ferbernde" Bindungsperson auf die Uhr und richtet sich allein danach, ob es schon wieder Zeit ist, zum Kind zu gehen. Wenn sie dann endlich hingeht, nimmt sie das aufgeregte Kind nicht auf, sondern verlässt es kurz darauf erneut. Dieses Spiel wird solange betrieben, bis im Idealfall der Mutterinstinkt siegt und das Kind aus seiner misslichen Lage befreit wird, oder bis das Kind resigniert und unter Umständen vor Erschöpfung einschläft. Verschiedene Schlafprogramme bezeichnen dies als „lernen, alleine einzuschlafen“ und sehen darin den gewünschten Erfolg. Das Einzige, das die Kinder meiner Meinung nach dabei lernen, ist, dass sich niemand für die&Aauml;ußerung ihres Bedürfnisses interessiert. Je früher dieser Behandlungsplan angewendet wird, umso fataler können die Folgen sein. Mit dem Nicht-Eingehen auf das Bedürfnis nach Nähe lasse ich den Grundstein für eine gute Bindung Risse bekommen. Je jünger das Kind, umso tiefer die Risse. Ob dieser Stein einen Sprung davon trägt oder gar ganz zerbricht, hängt von vielen weiteren Faktoren ab. Aber schon die Risse können nicht selten dazu führen, dass es in zweiter Instanz zu einer unsicheren Bindung kommt.

Autorin: Mandy Hibbeler