„Jedes Kind lernt irgendwann, alleine zu schlafen!“
Mit James McKenna sprach Kristina Heindel
Für den Verhaltensforscher James McKenna ist Co-Sleeping die natürliche Fo des Schlafens für ein Baby. Es ist so programmiert, dass es alarmiert reagiert und ach seinen Beschützern ruft, wenn es irgendwo alleine liegt. SIDS ist nicht eine Frage, ob Eltern und Kind im selben Bett schlafen, sondern wie sie es tun.
Warum wachen Babys so oft und so leicht auf und warum scheinen sie längerbeziehungsweise tiefer zu schlafen, wenn sie neben ihrer Mutter liegen?
Wachen Babys leicht auf, was immer relativ ist, dann liegt es einerseits daran, dass dies biologisch gesehen notwendig ist, andererseits steht es in Zusammenhang mit der Art der Ernährung (Stillen, Flasche oder beides) und dem allgemeinen Wohlbefinden, zum Beispiel dem Zustand der Windel und/oder dem Grad der Sättigung. Gestillte Babys wachen viel häufiger auf als Säuglinge, die mit künstlicher Säuglingsnahrung ernährt werden, denn Kuhmilch ist dazu da, Kuhhirne mit viel geringerem Volumen im Vergleich zum menschlichen Gehirn wachsen zu lassen, während Muttermilch die ideale Zusammensetzung für das ständig wachsende Gehirn des Säuglings hat, dessen Grösse sich im ersten Lebensjahr verdreifacht. Muttermilch enthält schnell verbrennende Kohlehydrate und sehr viel weniger Eiweiss und Fett. Jedes menschliche Wesen, auch der äugling, hat zudem seine ganz eigene Schlafpersönlichkeit. Es gibt keine zwei gleichen Schlafpersönlichkeiten, egal ob bei Kindern oder Erwachsenen. Babys wachen hauptsächlich deshalb auf, weil es das Beste für sie ist. Die Biologie des Babyhirns ist nicht dafür ausgelegt, tief oder lang zu schlafen, bevor das Kind sechs Monate alt ist. Wenn Babys bei der Mutter liegen, scheinen sie länger zu schlafen, doch tatsächlich wachen sie häufiger und länger auf, alarmieren die Mutter jedoch nicht unbedingt, da sie sich sicher fühlen. Denn sie riechen die Milch der Mutter, spüren ihren Körper, hören ihren Atem und spüren ihre Bewegungen und ihren Rhythmus.
Prof. Dr. James McKenna erforscht und lehrt seit 33 Jahren die Entwicklung des menschlichen Verhaltens. Elternschaft und Kindheit beim Menschen mit den Schwerpunkten Säuglingsschlaf, Stillen, Co-Sleeping und Risikofaktoren für den Plötzlichen Kindstod (SIDS) sind seine Themen. Er ist Professor für nthropologie und leitet das Center for Behavioral Studies of Mother-Infant Sleep an der Universität von Notre Dame, Indiana/USA. Als bedeutender Experte weltweit in diesem Fachgebiet berät er auch LLL International und ist Mitglied ihres Medizinischen Beirates. Neben einer grossen Anzahl an Fachartikeln und Buchbeiträgen veröffentlichte er im Mai 2007 den Elternratgeber: Sleeping with Baby: A Parents Guide To Co-sleeping.
Wie empfehlenswert sind Geräte zur Überwachung von Bewegungen und Atem der Babys?
Das ist abhängig davon, wozu sie eingesetzt werden, wer sie empfohlen hat, und ob es wissenschaftliche Belege da dafür gibt, dass die Gefahren, die sie ausschalten sollen, durch ein solches Gerät überhaupt kontrolliert werden können. Meiner Meinung nach ist ihr Nutzen sehr begrenzt. Atemüberwachungsgeräte werden nicht zum Schutz gegen SIDS empfohlen, doch ich kann gut verstehen, dass sich Eltern kranker Babys möglicherweise sicherer fühlen, wenn sie sie verwenden. Viele Mütter, die anfangs solch ein Gerät verwenden, lassen es später wieder und vertrauen auf ihre eigene Fähigkeit, ihr Baby zu stabilisieren. Die Kombination von Nähe und Aufmerksamkeit der Mutter mit der Fähigkeit des Säuglings, die Sinnesreize der Mutter zu spüren, erweist sich in den meisten Fällen als extrem wirksam.
Viele Eltern wagen es nicht, mit ihrem Baby im gleichen Bett zu schlafen, weil sie vom Kinderarzt gehört haben, dass Schlafen im Elternbett die Gefahr für den plötzlichen Kindstod erhöht.
Es ist ein wissenschaftlicher Irrtum, dass Co-Sleeping das Risiko für den plötzlichen Kindstod erhöht. Vor allem wenn man bedenkt, dass es unzählige Formen des Co-Sleepings gibt, deren Vorteile und Grade an Sicherheit sich enorm unterscheiden. Doch das vielleicht Wichtigste ist, dass kein menschliches Wesen heute am Leben sein könnte, wenn unsere Ur-Mütter nicht alle bei ihren Babys geschlafen und sie die ganze Nacht hindurch gestillt hätten – um ihre physiologischen Bedürfnisse zu befriedigen und sie zu schützen. Eine Sache ist es, zu beschreiben, welche Formen des Co-Sleepings in welchem Umfeld sicher, unsicher oder überhaupt nicht sicher sind, und dadurch anzuerkennen, dass es unterschiedliche Formen des gemeinsamen Schlafens von Mutter und Kind gibt. Eltern müssen aufgeklärt werden überdie bekannten Faktoren, die die Erstickungsgefahr oder bestimmte Formen von SIDS begünstigen, – etwa durch Überhitzung, Bedecken des Kopfes des Säuglings, gemeinsames Schlafen auf dem Sofa oder mit anderen Geschwistern. Es ist jedoch unmoralisch, unqualifiziert zu behaupten, dass der Körper der Mutter eine tödliche Gefahr für ihr Baby darstelle. Die meisten Völker, die Co-Sleeping praktizieren, haben entweder noch nie von SIDS gehört oder haben die niedrigste Säuglingssterblichkeit oder SIDS-Raten weltweit. Die
Mütter stillen und sind Nichtraucher, was darauf hinweist, dass nicht Co-Sleeping das Problem ist, sondern die Art und Weise, wie es durchgeführt wird. Einfach zu behaupten „Co-Sleeping verursacht SIDS“ ist unqualifiziert und ignoriert wissenschaftliche Beweise.
Häufig befürchten Eltern, dass ihre Kinder, schlafen sie erst einmal im Elternbett, nie lernen werden, allein zu schlafen.
Jedes Kind lernt irgendwann, allein zu schlafen. Es folgt dem Muster der Familie. Dies ist eine Fähigkeit, die ganz von allein kommt. Babys, die im Elternbett schlafen dürfen, schlafen im Vergleich zu gewohnheitsmässig ohne die Eltern schlafenden Säuglingen einfach später allein. Es ist eine Frage der Zeit und nicht des Könnens. Tatsächlich glaube ich, dass Babys, die mit den Eltern schlafen dürfen, ebenso früh auch allein schlafen könnten. Vielleicht möchten sie es nur nicht, und warum sollten sie auch, wenn Schlafen bei Mami und Papi sich so sicher und gut anfühlt? Es ist kulturell bedingt, dass wir Angst davor haben, unsere Kinder könnten nie lernen, allein zu schlafen.
Warum wachen Babys auf, wenn sie auf dem Arm eingeschlafen sind und manversucht, sie abzulegen?
Die Natur der Babys ist darauf ausgelegt, auf jede mögliche Gefahr sofort zu reagieren. Zum Beispiel auf die Trennung von der Betreuungsperson, wenn plötzlich etwas anders ist, etwa die sanfte Berührung fehlt, die Wärme des Körpers, der Geruch der Milch, die behutsamen Bewegungen, der Atem, das Gefühl der Sicherheit. Sie geraten in Alarmbereitschaft, denn ihr eigener Körper ist betroffen, es droht Gefahr, verlassen zu werden, und darum müssen sie aufwachen und die Betreuungsperson herbeirufen, den Menschen, von dessen Körper das Überleben des Säuglings abhängt.
Droht Schlafmangel, wenn ein Baby zu häufig getragen wird und nicht oft oder lange genug ins Bettchen oder den Stubenwagen gelegt wird?
Nicht, wenn das Baby gesund ist. Ein Säugling hat eine ungemein grosse Fähigkeit auf- beziehungsweise nachzuholen und jedes Defizit auch wieder auszugleichen.
Eltern gehen davon aus, dass kleine Kinder auch tagsüber schlafen sollten. Wie kommt es, dass es Babys gibt, die das nicht tun?
Jeder von uns hat seine eigene Schlafpersönlichkeit, so wie wir eine einzigartige Persönlichkeit haben. Manche Babys, wie auch manche Erwachsene, möchten nichts verpassen, sie werden von ihrer sozialen und materiellen Umwelt abgelenkt. Abhängig vom Alter des Kindes brauchen manche Babys einfach nicht so viel Schlaf wie andere, genau wie bei uns Erwachsenen, und manche holen sich nachts das, was ihnen tagsüber entgangen ist, und schlafen dann länger.
Ist es schädlich, ein Baby zu wecken, es etwa aus dem Tragetuch oder aus der Babyschale zu nehmen, wenn zum Beispiel etwas erledigt werden muss?
Nein, überhaupt nicht.
Müssen Babys wirklich nachts gestillt werden?
Ja, natürlich, vor allem im ersten Lebensjahr. Babys verdreifachen die Grösse ihres Gehirns im ersten Jahr, und man muss nur einmal darüber nachdenken, was die viele Muttermilch alles bewirkt und welche Bedeutung die Interaktionen im Zusammenhang mit dem Stillen durch die Mutter haben. Jedes Stillen schafft neue Nervenverbindungen, verhindert, dass bereits bestehende Verbindungen gekappt werden und liefert die Grundlage für die weitere neurologische Entwicklung
Quelle: WirbelWind 02/2008 - w w w . e l t e r n z e i t s c h r i f t . o r g
